Robert Schumann Liederkreis opus 39 

Joseph von Eichendorff

 

1 In der Fremde

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot

Da kommen die Wolken her,

Aber Vater und Mutter sind lange tot,

Es kennt mich dort keiner mehr.

Wie bald, ach wie bald kommt die stille Zeit,

Da ruhe ich auch, und über mir

Rauscht die schöne Waldeinsamkeit,

Und keiner kennt mich mehr hier.

2 Intermezzo

Dein Bildnis wunderselig

Hab’ ich im Herzensgrund,

Das sieht so frisch und fröhlich

Mich an zu jeder Stund’.

Mein Herz still in sich singet

Ein altes, schönes Lied,

Das in die Luft sich schwinget

Und zu dir eilig zieht.

3 Waldesgespräch

 

Es ist schon spät, es ist schon kalt,

Was reit’st du einsam durch den Wald?

Der Wald ist lang, du bist allein,

Du schöne Braut! Ich führ’ dich heim!

„Groß ist der Männer Trug und List,

Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,

Wohl irrt das Waldhorn her und hin,

O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.“

So reich geschmückt ist Roß und Weib,

So wunderschön der junge Leib,

Jetzt kenn’ ich dich—Gott steh’ mir bei!

Du bist die Hexe Loreley.

„Du kennst mich wohl—von hohem Stein

Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.

Es ist schon spät, es ist schon kalt,

Kommst nimmermehr aus diesem Wald!“

4 Die Stille

 

Es weiß und rät es doch Keiner,

Wie mir so wohl ist, so wohl!

Ach, wüßt’ es nur Einer, nur Einer,

Kein Mensch es sonst wissen soll!

So still ist’s nicht draußen im Schnee,

So stumm und verschwiegen sind

Die Sterne nicht in der Höh’,

Als meine Gedanken sind.

Ich wünscht’, ich wär’ ein Vöglein

Und zöge über das Meer,

Wohl über das Meer und weiter,

Bis daß ich im Himmel wär’!

5 Mondnacht

 

Es war, als hätt’ der Himmel,

Die Erde still geküßt,

Daß sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müßt’.

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

6 Schöne Fremde

 

Es rauschen die Wipfel und schauern,

Als machten zu dieser Stund’

Um die halb versunkenen Mauern

Die alten Götter die Rund’.

Hier hinter den Myrtenbäumen

In heimlich dämmernder Pracht,

Was sprichst du wirr, wie in Träumen,

Zu mir, phantastische Nacht?

Es funkeln auf mich alle Sterne

Mit glühendem Liebesblick,

Es redet trunken die Ferne

Wie von künftigem großen Glück!

 

7 Auf einer Burg

 

Eingeschlafen auf der Lauer

Oben ist der alte Ritter;

Drüben gehen Regenschauer,

Und der Wald rauscht durch das Gitter.

Eingewachsen Bart und Haare,

Und versteinert Brust und Krause,

Sitzt er viele hundert Jahre

Oben in der stillen Klause.

Draußen ist es still und friedlich,

Alle sind in’s Tal gezogen,

Waldesvögel einsam singen

In den leeren Fensterbogen.

Eine Hochzeit fährt da unten

Auf dem Rhein im Sonnenscheine,

Musikanten spielen munter,

Und die schöne Braut, die weinet.

8 In der Fremde

 

Ich hör’ die Bächlein rauschen

Im Walde her und hin,

Im Walde, in dem Rauschen

Ich weiß nicht, wo ich bin.

Die Nachtigallen schlagen

Hier in der Einsamkeit,

Als wollten sie was sagen

Von der alten, schönen Zeit.

Die Mondesschimmer fliegen,

Als säh’ ich unter mir

Das Schloß im Tale liegen,

Und ist doch so weit von hier!

Als müßte in dem Garten

Voll Rosen weiß und rot,

Meine Liebste auf mich warten,

Und ist doch so lange tot.

 

9 Wehmut

 

Ich kann wohl manchmal singen,

Als ob ich fröhlich sei,

Doch heimlich Tränen dringen,

Da wird das Herz mir frei.

Es lassen Nachtigallen,

Spielt draußen Frühlingsluft,

Der Sehnsucht Lied erschallen

Aus ihres Kerkers Gruft.

Da lauschen alle Herzen,

Und alles ist erfreut,

Doch keiner fühlt die Schmerzen,

Im Lied das tiefe Leid.

 

 

10 Zwielicht

 

Dämmrung will die Flügel spreiten,

Schaurig rühren sich die Bäume,

Wolken ziehn wie schwere Träume—

Was will dieses Graun bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,

Laß es nicht alleine grasen,

Jäger ziehn im Wald und blasen,

Stimmen hin und wieder wandern.

Hast du einen Freund hienieden,

Trau ihm nicht zu dieser Stunde,

Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,

Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut gehet müde unter,

Hebt sich morgen neugeboren.

Manches geht in Nacht verloren—

Hüte dich, sei wach und munter!

11 Im Walde

 

Es zog eine Hochzeit den Berg entlang,

Ich hörte die Vögel schlagen,

Da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang,

Das war ein lustiges Jagen!

Und eh’ ich’s gedacht, war alles verhallt,

Die Nacht bedecket die Runde;

Nur von den Bergen noch rauschet der Wald

Und mich schauert’s im Herzensgrunde.

 

12 Frühlingsnacht

 

Überm Garten durch die Lüfte

Hört’ ich Wandervögel zieh’n,

Das bedeutet Frühlingsdüfte,

Unten fängt’s schon an zu blühn.

Jauchzen möcht’ ich, möchte weinen,

Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!

Alte Wunder wieder scheinen

Mit dem Mondesglanz herein.

Und der Mond, die Sterne sagen’s,

Und im Traume rauscht’s der Hain

Und die Nachtigallen schlagen’s:

Sie ist Deine, sie ist Dein!

 

 

 

 

Franz Schubert  Waterliederen

1 Wohin (uit Schöne Müllerin)

Wilhelm Müller

Ich hört’ ein Bächlein rauschen

Wohl aus dem Felsenquell,

Hinab zum Tale rauschen

So frisch und wunderhell.

Ich weiss nicht, wie mir wurde,

Nicht, wer den Rat mir gab,

Ich musste auch hinunter

Mit meinem Wanderstab.

Hinunter und immer weiter

Und immer dem Bache nach,

Und immer heller rauschte,

Und immer heller der Bach.

Ist das denn meine Strasse?

O Bächlein, sprich, wohin?

Du hast mit deinem Rauschen

Mir ganz berauscht den Sinn.

Was sag’ ich denn vom Rauschen?

Das kann kein Rauschen sein:

Es singen wohl die Nixen

Tief unten ihren Reihn.

Lass singen, Gesell, lass rauschen,

Und wandre fröhlich nach!

Es gehn ja Mühlenräder

In jedem klaren Bach.

 

2 Die Forelle op 32 D 550

 

Christian Schubart

 

In einem Bächlein helle,

Da schoß in froher Eil'

Die launische Forelle

Vorüber wie ein Pfeil.

Ich stand an dem Gestade

Und sah in süßer Ruh

Des muntern Fischleins Bade

Im klaren Bächlein zu.

Ein Fischer mit der Rute

Wohl an dem Ufer stand,

Und sah's mit kaltem Blute,

Wie sich das Fischlein wand.

So lang dem Wasser Helle,

So dacht ich, nicht gebricht,

So fängt er die Forelle

Mit seiner Angel nicht.

Doch endlich ward dem Diebe

Die Zeit zu lang. Er macht

Das Bächlein tückisch trübe,

Und eh ich es gedacht,

So zuckte seine Rute,

Das Fischlein zappelt dran,

Und ich mit regem Blute

Sah die Betrogene an.

 

 

3 Erlafsee op. 8,3 D586

 

Johann Mayrhofer

Mir ist so wohl, so weh

Am stillen Erlafsee;

Heilig Schweigen

In Fichtenzweigen,

Regungslos

Der blaue Schoß,

Nur der Wolken Schatten flieh'n

Überm glatten Spiegel hin,

Frische Winde

Kräuseln linde

Das Gewässer

Und der Sonne

Güldne Krone

Flimmert blässer.

Mir ist so wohl, so weh

Am stillen Erlafsee.

 

4 Meeres Stille op. 3,2 D216

 

Johann Wolfgang von Goethe

Tiefe Stille herrscht im Wasser,

Ohne Regung ruht das Meer,

Und bekümmert sieht der Schiffer

Glatte Fläche rings umher.

Keine Luft von keiner Seite!

Todesstille fürchterlich!

In der ungeheueren Weite

Reget keine Welle sich.

 

 

5 Das Fischermädchen (uit Schwanengesang)

 

Heinrich Heine

Du schönes Fischermädchen,

Treibe den Kahn ans Land;

Komm zu mir und setze dich nieder,

Wir kosen Hand in Hand.

Leg an mein Herz dein Köpfchen,

Und fürchte dich nicht zu sehr;

Vertraust du dich doch sorglos

Täglich dem wilden Meer.

Mein Herz gleicht ganz dem Meere,

Hat Sturm und Ebb’ und Flut,

Und manche schöne Perle

In seiner Tiefe ruht.

 

6 Der Fischer op. 5,3 D225

 

Johann Wolfgang von Goethe

Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,

Ein Fischer sass daran,

Sah nach dem Angel ruhevoll,

Kühl bis ans Herz hinan.

Und wie er sitzt und wie er lauscht,

Teilt sich die Flut empor;

Aus dem bewegten Wasser rauscht

Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:

„Was lockst du meine Brut

Mit Menschenwitz und Menschenlist

Hinauf in Todesglut?

Ach wüsstest du, wie’s Fischlein ist

So wohlig auf dem Grund,

Du stiegst herunter, wie du bist,

Und würdest erst gesund.

„Labt sich die liebe Sonne nicht,

Der Mond sich nicht im Meer?

Kehrt wellenatmend ihr Gesicht

Nicht doppelt schöner her?

Lockt dich der tiefe Himmel nicht,

Das feuchtverklärte Blau?

Lockt dich dein eigen Angesicht

Nicht her in ewgen Tau?“

Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,

Netzt’ ihm den nackten Fuss;

Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll,

Wie bei der Liebsten Gruss.

Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;

Da war’s um ihn geschehn:

Halb zog sie ihn, halb sank er hin,

Und ward nicht mehr gesehn.

 

7 Wie Ulfru fischt Op 21,3 D 525

Johann Mayerhofer
 

Wie Ulfru fisch

Johann Mayrhofer

Die Angel zuckt, die Rute bebt,

Doch leicht fährt sie heraus.

Ihr eigensinn’gen Nixen gebt

Dem Fischer keinen Schmaus.

Was frommet ihm sein kluger Sinn,

Die Fische baumeln spottend hin;

Er steht am Ufer fest gebannt,

Kann nicht ins Wasser, ihn hält das Land.

Die glatte Fläche kräuselt sich, 

Vom Schuppenvolk bewegt,

Das seine Glieder wonniglich

In sichern Fluten regt.

Forellen zappeln hin und her, 

Doch bleibt des Fischers Angel leer, 

Sie fühlen, was die Freiheit ist, 

Fruchtlos ist Fischers alte List.

Die Erde ist gewaltig schön,

Doch sicher ist sie nicht.

Es senden Stürme Eiseshöh’n,

Der Hagel und der Frost zerbricht

Mit einem Schlage, einem Druck,

Das gold’ne Korn, der Rosen Schmuck; 

Den Fischlein unter’m weichen Dach, 

Kein Sturm folgt ihnen vom Lande nach.

 

 

8 Auf Der Donau Op. 21,1 D 553

 

Johann Mayrhofer

Auf der Wellen Spiegel schwimmt der Kahn, 

Alte Burgen ragen himmelan, 

Tannenwälder rauschen geistergleich,

Und das Herz im Busen wird uns weich.

Denn der Menschen Werke sinken all’, 

Wo ist Turm, wo Pforte, wo der Wall,

Wo sie selbst, die Starken, erzgeschirmt, 

Die in Krieg und Jagden hingestürmt?

Trauriges Gestrüppe wuchert fort, 

Während frommer Sage Kraft verdorrt: 

Und im kleinen Kahne wird uns bang, 

Wellen drohn wie Zeiten Untergang.

 

9 Am Strome op.8,4 D539

 

Johann Mayrhofer

Ist mir's doch, als sei mein Leben

An den schönen Strom gebunden;

Hab' ich Frohes nicht an seinem Ufer,

Und Betrübtes hier empfunden?

Ja, du gleichest meiner Seele;

Manchmal grün und glatt gestaltet,

Und zu Zeiten herrschen Stürme

Schäumend, unruhvoll, gefaltet.

Fliessest zu dem fernen Meere,

Darfst allda nicht heimisch werden;

Mich drängt's auch in mildre Lande,

Finde nicht das Glück auf Erden.

 

 

10 Auf dem Wasser zu singen

 

Graf Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg

Mitten im Schimmer der spiegelnden Wellen

Gleitet, wie Schwäne, der wankende Kahn;

Ach, auf der Freude sanft schimmernden Wellen

Gleitet die Seele dahin wie der Kahn;

Denn von dem Himmel herab auf die Wellen

Tanzet das Abendrot rund um den Kahn.

Über den Wipfeln des westlichen Haines

Winket uns freundlich der rötliche Schein;

Unter den Zweigen des östlichen Haines

Säuselt der Kalmus im rötlichen Schein;

Freude des Himmels und Ruhe des Haines

Atmet die Seel’ im errötenden Schein.

Ach, es entschwindet mit tauigem Flügel

Mir auf den wiegenden Wellen die Zeit.

Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel

Wieder wie gestern und heute die Zeit,

Bis ich auf höherem strahlendem Flügel

Selber entschwinde der wechselnden Zeit.

 

 

11 Fischerweise D 881

 

Franz Schlechta

Den Fischer fechten Sorgen

Und Gram und Leid nicht an;

Er löst am frühen Morgen

Mit leichtem Sinn den Kahn.

Da lagert rings noch Friede

Auf Wald und Flur und Bach,

Er ruft mit seinem Liede

Die gold’ne Sonne wach.

Er singt zu seinem Werke

Aus voller frischer Brust,

Die Arbeit gibt ihm Stärke,

Die Stärke Lebenslust.

Bald wird ein bunt’ Gewimmel

In allen Tiefen laut

Und plätschert durch den Himmel,

Der sich im Wasser baut.

Doch wer ein Netz will stellen,

Braucht Augen klar und gut,

Muss heiter gleich den Wellen

Und frei sein wie die Flut.

Dort angelt auf der Brücke

Die Hirtin, Schlauer Wicht,

Gib auf nur deiner Tücke,

Den Fisch betrügst du nicht!

 

12 Der Schiffer Op. 21,2 D 536

 

Johann Mayrhofer

Im Winde, im Sturme befahr’ ich den Fluss,

Die Kleider durchweichet der Regen im Guss;

Ich peitsche die Wellen mit mächtigem Schlag,

Erhoffend mir heiteren Tag.

Die Wellen, sie jagen das ächzende Schiff,

Es drohet der Strudel, es drohet der Riff,

Gesteine entkollern den felsigen Höh’n,

Und Tannen erseufzen wie Geistergestöh’n.

So musste es kommen, ich hab’ es gewollt,

Ich hasse ein Leben behaglich entrollt;

Und schlängen die Wellen den ächzenden Kahn,

Ich priese doch immer die eigene Bahn.

Drum tose des Wassers ohnmächtige Zorn,

Dem Herzen entquillet ein seliger Born,

Die Nerven erfrischend, o himmlische Lust,

Dem Sturme zu trotzen mit männlicher Brust!